Warum braucht Demokratie heute mehr denn je unabhängigen Journalismus – obwohl Informationen im Internet scheinbar überall verfügbar sind?
Sommer: Darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben. Gerade in Zeiten von Polarisierung, KI und Desinformation braucht es jemanden, der unabhängig berichtet und einordnet. In einer Demokratie brauchen die Menschen nicht viele Informationen, sondern verlässliche. Nur so kann Vertrauen entstehen und das braucht es zwingend für den Zusammenhalt vor Ort. Der Forschung zufolge gehen dort, wo es keine lokale Berichterstattung mehr gibt, weniger Menschen wählen, gleichzeitig vertieft sich die gesellschaftliche Spaltung.
Sie waren bis 2020 CDU-Bürgermeister in Lippstadt, seitdem vertreten Sie als Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes NRW die Kommunen im Land. Hat sich das Verhältnis zwischen Politik, Verwaltung und Medien in den vergangenen Jahren verändert?
Sommer: Definitiv. Es gibt sicher große regionale Unterschiede, aber unübersehbar ist, dass die Zahl der Journalisten in der lokalen Berichterstattung schrumpft und damit zwangsläufig auch Umfang und Tiefe der Berichterstattung. Wir hören aus vielen Rathäusern, dass es kommunalpolitische Themen zunehmend schwer haben, zum Teil gar nicht mehr in die Berichterstattung einfließen. Zu sperrig, nicht emotional genug, um damit Leser zu halten, heißt es dann als Antwort aus den Redaktionen.
Das ist ein ziemlich kritischer Befund. Trifft dieser Vorwurf auch den Patriot?
Sommer: Ich beziehe mich auf die Erfahrung etlicher Mitgliedskommunen, dass es teilweise in Richtung Clickbaiting und Empörungsjournalismus geht. Persönlich bin ich davon beim Patriot ein- oder zweimal betroffen gewesen. Das waren aber wirklich Einzelfälle. Ich freue mich bei Ihrer Zeitung immer, wenn das gemacht wird, was man von einer guten Redaktion erwartet: recherchieren, validieren, überprüfen. Und ich schätze am Patriot, dass er in der Regel die Breite einer Diskussion abdeckt. Vor allem, wenn bei kommunalpolitischen Themen nicht einfach etwas rausgehauen wird, sondern erst bei der Stadt nachgefragt.
Kommunen setzen heute zunehmend auf eigene Social-Media-Kanäle, Newsletter oder Videos. Wo endet aus Ihrer Sicht legitime Öffentlichkeitsarbeit – und wo beginnt der Versuch, die öffentliche Debatte selbst zu steuern?
Sommer: Die Leitlinien sind eigentlich klar: In der kommunalen Öffentlichkeitsarbeit muss immer ein Bezug zum Verwaltungshandeln bestehen. Es kann und darf nicht Aufgabe der Kommunen sein, den freien Medien Konkurrenz zu machen. Gleichzeitig haben die Städte und Gemeinden eine Verantwortung, die Bürger zu informieren, demokratische Teilhabe zu fördern und kommunales Handeln zu erklären. Dass Sie mit Ihrer Frage andeuten, die Rathäuser würden versuchen, die öffentliche Meinung zu steuern, finde ich offen gestanden etwas unglücklich. Eigene Motive und Handeln nachvollziehbar zu machen, eine Diskussion mit Fakten zu unterlegen oder auf undifferenzierte Berichterstattung zu reagieren, all das muss erlaubt sein, ja es ist sogar eine Pflicht, wenn wir uns in einer Demokratie verständigen wollen.
Wir beobachten als Lokalzeitung aber mittlerweile, dass Antworten aus Rat- und Kreishäusern länger auf sich warten lassen, kurz ausfallen, kritische Nachfragen schon mal als lästig empfunden werden und Informationen lieber über eigene Kanäle verbreitet werden. Ist das eine Entwicklung, die Ihnen Sorgen macht?
Sommer: Ich kann diese Entwicklung so nicht bestätigen. In einzelnen Fällen mag das vorkommen, aber definitiv nicht flächendeckend. Was mir tatsächlich Sorge macht, ist, dass die Auflage bei den Lokalzeitungen immer weiter zurückgeht und die Verlage wirtschaftlich so unter Druck geraten, dass sie beim Personal sparen und das Netz der Lokalredaktionen ausdünnen. Es ist vermutlich unvermeidbar, dass darunter auch die Qualität der Berichterstattung leidet. Aus den kommunalen Pressestellen hören wir zum Beispiel, dass manche Redaktionen nicht mehr die Zeit und Energie haben, in öffentlich einsehbare Ratsunterlagen zu schauen und dann erwarten, dass das Rathaus alles für die Presse aufbereitet. Recherche sollte aber Aufgabe von Journalisten bleiben.
Sie verlangen zu Recht, dass wir umfassend recherchieren. Dann dürfen wir umgekehrt auch verlangen, dass Rathäuser kritische Fragen so schnell und ausführlich wie möglich beantworten. Richtig?
Sommer: Ja, natürlich. Ich kannte das als Bürgermeister nicht anders. Natürlich gibt es Einschränkungen, etwa beim Datenschutz. Und manchmal gibt es Gründe, weshalb zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas noch nicht gesagt werden kann. Dann ist es gut, wenn man das im Hintergrund erklärt. Auf jeden Fall sollten Rathaus und Redaktion immer miteinander im Gespräch bleiben.
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Wann informiert ein Rathaus noch, wann macht es selbst Medien?
Sommer: Spätestens seit der Erfindung von Social Media verschwimmen die Grenzen. Ich glaube aber, dass das in gesundem Maße miteinander gehen kann. In zahlreichen Fällen muss es der Anspruch einer Kommune sein, möglichst alle zu erreichen. Das gilt für wichtige Infos wie die Straßensperrung oder das Projekt mit Bürgerbeteiligung, insbesondere aber für Krisenfälle, denken Sie allein an die Corona-Pandemie. Da sind die Städte und Gemeinden zwingend auf eigene Kanäle angewiesen.
Wir beobachten als Lokalzeitung aber mittlerweile, dass Antworten aus Rat- und Kreishäusern länger auf sich warten lassen, kurz ausfallen, kritische Nachfragen schon mal als lästig empfunden werden und Informationen lieber über eigene Kanäle verbreitet werden. Ist das eine Entwicklung, die Ihnen Sorgen macht?
Sommer: Ich kann diese Entwicklung so nicht bestätigen. In einzelnen Fällen mag das vorkommen, aber definitiv nicht flächendeckend. Was mir tatsächlich Sorge macht, ist, dass die Auflage bei den Lokalzeitungen immer weiter zurückgeht und die Verlage wirtschaftlich so unter Druck geraten, dass sie beim Personal sparen und das Netz der Lokalredaktionen ausdünnen.
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Wie wichtig ist gerade bei emotionalen Großprojekten eine unabhängige Lokalzeitung, die nicht nur berichtet, sondern auch kommentiert und einordnet?
Sommer: Meinungsbildung braucht valide Informationen und eine ausgewogene Berichterstattung. Lokale Medien haben die Aufgabe, Fakten aufzubereiten und unterschiedliche Positionen und Argumente gegenüberzustellen. Ein Redakteur darf und soll in einem Kommentar auch Haltung und persönliche Meinung zeigen. Entscheidend sind saubere Recherche, unterschiedliche Quellen sowie eine klare Trennung zwischen Berichterstattung und Meinung.
Hat Lokaljournalismus heute manchmal zu viel Angst davor, anzuecken – oder braucht Demokratie gerade Redaktionen, die auch unbequeme Fragen stellen und klare Haltungen vertreten?
Sommer: Angst in Lokalredaktionen? Den Eindruck habe ich ganz und gar nicht. Dass eine Demokratie auf unabhängige, also im Falle des Falles auch unbequeme Medien angewiesen ist, habe ich schon angesprochen. Nur darf das Unbequem-Sein eben kein Selbstzweck werden, schon gar nicht wenn Sachlichkeit und Ausgewogenheit darunter leiden. In der neuen, von Social Media getriebenen Medien-Welt beobachten wir das leider zunehmend. Zum Beispiel, dass schnell mal ungeprüfte Kritik am Handeln einer Kommune veröffentlicht wird, am besten noch mit "Wut", "Frust" oder "Ärger" in der Überschrift. Dass vor der Veröffentlichung auch die andere Seite gehört werden sollte, scheint dabei in Vergessenheit zu geraten. Bei allem Verständnis, aber bei Haudrauf-Journalismus, der zuerst auf Emotionen und Empörung abzielt, ist bei mir Feierabend.
Da fallen wieder schwerwiegende Vorwürfe. Da dieses Interview im Patriot erscheint, muss ich auch hier fragen: Reden Sie konkret über uns? Ich kann mich an kein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit erinnern, bei dem wir nicht die andere Seite gehört oder ihr eine Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben haben.
Sommer: Meine Kritik war auch diesmal nicht speziell auf den Patriot bezogen. Ihre Fragen zielen ja sicherlich auf die Aktion und den Lokaljournalismus generell. Für die Zukunft – und das trifft den Patriot wie alle anderen – muss sich Qualitätsjournalismus durch die Beachtung journalistischer Standards auszeichnen.
Das Interview mit Hauptgeschäftsführer Christof Sommer führte Chefredakteur Dominik Friedrich. Die ungekürzte Fassung ist >>abrufbar unter www.derpatriot.de (Paywall).

